Am 07. Juli 1990 feierte “Winnetous letzter Kampf” Premiere am Kalkberg. Passenderweise hatte die DDR bereits rund zwei Wochen zuvor ihren letzten Kampf gefochten und verloren. Das lange so unvollstellbare vollzog sich: Europa rückte zusammen, die deutsche Einheit nur ein Vorspiel einer beispiellosen Kontinent übergreifenden Entwicklung. Große Hoffnungen begleiteten diese Zeit des Wandels. Und inmitten dieses Klimas sollten auch die Karl May Spiele nicht von Veränderungen verschont bleiben. Das Jahrzehnt begann mit den letzten beiden Bühnenjahren des legendären Film-Winnetous Pierre Brice. Wenn gleich die von ihm mitgestalteten und in weiten Teilen zu verantwortenden Inszenierungen eher beschaulich, langweilig und durch die wahllose Montage von Filmszenen in “Winnetou, das Vermächtnis” 1991 wie eine Selbstbeweihräucherung wirkten so zog er doch unverändert die Massen an. 315.000 Zuschauer besuchten die letzte Saison des Franzosen am Kalkberg und diese Marke sollte für lange Zeit als uneinholbar gelten. Als sich Brice allem Werben der Kalkberg GmbH zum Trotz nicht auf einen erneuten Vertragsabschluß einließ, begann die Suche nach einem neuen Winnetou-Darsteller. Doch hatte man sich an die üppigen Besucherzahlen zu sehr gewöhnt!? Fakt ist, das nicht ein junger aufstrebender Mime das Zepter übernahm sondern ein nicht weniger Kamera erfahrener Schauspieler der nur um einige Jahre jünger war als sein Vorgänger: Gojko Mitic. Der ehemalige Nebendarsteller mehrerer Winnetou-Kinofilme war in der just untergegangenen DDR der vielleicht einzige Schauspieler mit Star-Qualität gewesen und hatte durch Jahrzehnte lange Verkörperung von historischen Häuptlingsfiguren (mit deutlicher politisch geprägter Botschaft) einen hohen Bekanntsheitsgrad im ganzen ehemaligen Ostblock gewonnen. Mitic nahm die Aufgabe dankend an und konnte zu diesem Zeitpunkt wohl nicht ahnen, dass er nun über anderthalb Jahrzehnte hinweg den Häuptling der Apatschen am Kalkberg verkörpern würde. Die Hoffnung, den nach Brice Abschied erwarteten Schwund an Besuchern durch neue ehemalige DDR Bürger und Mitic-Fans kompensieren zu können erfüllte sich indes nur teilweise. Bereits in der Erstsaison sank die Besucherzahl quasi auf das Niveau der Prä-Brice-Zeiten ab. Für die Segeberger Verantwortlichen aber immer noch ausreichend und angesichts der schnell wachsenden Popularität von Mitic auch diesem nicht angelastet. Soviel Kontinuität man also in der Wahl des Hauptdarstellers bewies so abenteuerlich stellte man sich in allen anderen Bereichen dar. Die Spiele suchten ihre Identität.
Mitte der neunziger schien die Kreativität von Regie Nicolaescú erschöpft, ein neuer Mann musste her. Die Buchautoren wechselten verschiedentlich. Im Ergebnis durfte sich der Besucher auf abwechslungsreiche aber nicht immer qualitativ gute Umsetzungen der Mayschen Stoffe wundern. Nachdem man der magischen 200.000 Besucher-Grenze 1994 trotz des bekanntesten May Buches “Der Schatz im Silbersee” erschreckend nah gekommen war, wagte man am Kalkberg doch einen größeren Umbruch mit der Verpflichtung des mit der Arena aus seiner Zeit als Latwesen Assistant erfahren Regisseurs Thomas-Louis Pröve (verst. 2004). Mit viel Elan und Einsatzfreude widmete sich dieser der Aufführung “Winnetou I”, fuhr mit rund 230.000 Zuschauer ein mehr als respektables Ergebnis ein – und mußte gehen. Pröve selbst war hier wohl dynamischer als es manchem Entscheidungsträger gefiel und forderte Veränderungen zu denen man nicht bereit war.
So feierte Norbert Schultze jr. im Folgesommer seinen Einstand bei den Karl May Spielen und festigte die Spiele in zwei aufeinander folgenden Spielzeiten. 1999 erfolgte dann jedoch wieder überraschend eine Kehrtwende mit der Verpflichtung von Pierre Brice als Regisseur. An diese Saison erinnern sich viele mit Grausen: Brandkatastrophe, Textbuch-Katastrophe, Inszenierungs-Katastrophe – und das bei einem selten gut besetzen Ensemble. In mancherlei Hinsicht wurden damals die Weichen für den Erfolg der Zukunft gestellt, Personen an die Bühne gebunden die bis heute Publikumslieblinge oder Erfolgsgaranten hinter den Kulissen sind. Doch mit Abschluß der Saison 1999 endete auch die Ära des Geschäftsführer Ernst Reher. Und unter seiner Nachfolgerin sollten die Karl May Spiele eine ganz neue Dynamik gewinnen.

Eine kleine Übersicht der Spielzeiten:

1990 – Winnetous letzter Kampf
1991 – Winnetou – Das Vermächtnis
1992 – Old Surehand
1993 – Der Ölprinz
1994 – Der Schatz im Silbersee
1995 – Winnetou I
1996 – Winnetou und der Scout
1997 – Winnetou und Old Firehand
1998 – Unter Geiern – Der Geist des Llano Estacado
1999 – Halbblut