Einfach Karl May – Rückblick auf den Geist des Llano Estacado 2024
Burgrieden! Dieser Name steht für Karl May auf der Bühne, wie aktuell kein zweiter Ort. Es gibt im Bereich des Laientheaters mit Mörschied, Pluwig und Bischofswerda noch weitere Theater, die ebenfalls werkgetreu arbeiten, aber diese kann man freilich, trotz toller Darstellungen, nicht mit der Arbeit einer wirtschaftsorientierten Bühne vergleichen.
Mittlerweile als „Haus – und Hofschreiber“ der Festspiele Burgrieden verschrien (keine Sorge: Ich stehe auf keiner Payroll bei den Festspielen und zahle sogar meine Tickets und den Wurstsalat selbst), habe ich in den vergangenen Jahren die Festspiele Burgrieden bestaunt, gelobt und gefeiert. Mit was? Mit Recht! Die Entwicklung vor und hinter der Bühne seit Installierung Michael Müllers als Textbuchautor und Regisseur, stetig bergauf gegangen. Das lässt sich nicht leugnen. Vor allem das Geschehen auf der Bühne ist seit der Inszenierung „Im Tal des Todes“ aus dem Jahr 2019 zu einem wahren Genuss für Festspiel – und Karl May Freunde geworden. Genau das wurde in der Jubiläumssaison 2024 erneut bestätigt.
Im Jubiläumsjahr 2024 stand „Der Geist des Llano Estacado“ auf dem Programm. Nachdem in den drei Jahren zuvor mit Old Surehand, Winnetou III und Winnetou I emotionsgeladene Vorlagen auf dem Programm standen, folgte nun ein klassisches Abenteuer aus der Feder des sächsischen Autoren Karl May. Schon im Vorfeld war man gespannt ob Michael Müller auch die Figur des Masser Bob, in der Romanvorlage eine tragende und wichtige Figur, auf die Bühne bringen würde. Er tat es nicht. Aufgrund der anhaltenden Diskussionen in unserem Land über „redfacing“ und vermeintlich politischer Korrektheit sicherlich eine kluge Entscheidung. Diese Diskussionen hat man gekonnt umschifft in dem man eine weibliche Rolle „Bobby Helmers“ einbaute. Diese wurde auch mit einer passenden Schauspielerin besetzt und darf als Reminiszenz an das Original gesehen werden. Mit Bobby Helmers hatte man so nun eine Figur wie sie aus der Feder Karl Mays hätte stammen können und eine weibliche Hauptrolle in der Inszenierung. Ein guter Schachzug. Seyna Sylla, auch schon in dem Hollywood Blockbuster „Die Tribute von Panem“ zu sehen, füllte diese Rolle mit viel Liebe und gekonntem Spiel. In der ein oder anderen Szene merkte man ihr eine gewisse Nervosität an, diese wusste Sylla aber mit Charme zu überspielen. Mit Ferdinand Ascher als „Bloody Fox“, stand ihr als Bruder einer der Sympathieträger der Burgrieder Festspiele zur Seite. Ascher, 2023 noch als Karl May himself zu sehen, durfte in diesem Jahr wieder als einer der Protagonisten zeigen wie wertvoll er für dieses Theater ist. Sicher auf dem Pferd, stark in seinen Actionszenen und vor allem in den Dialogen mit Seyna Sylla war er wieder einer der absoluten Leistungsträger. In den Momenten als „Geist des Llano Estacado“ wusste er ebenso zu glänzen, wie auch als gebrochener Charakter, welcher auf einem Rachefeldzug gegen die Mörder seiner Eltern unterwegs ist. Burgrieden ohne Ascher ist kaum mehr vorstellbar.
Aschers „Ziehvater“ John Helmers wurde in der ersten Saisonhälfte vom Debütanten Magnus Heithoff gespielt. Er hat die Vaterrolle souverän ausgefüllt, wurde aus gesundheitlichen Gründen in der zweiten Saisonhälfte aber durch Michael Müller ersetzt. Müller, der eigentlich nicht mehr auf der Bühne stehen wollte, konnte hier ebenso überzeugen wie in seiner früheren und zukünftigen Paraderolle des Sam Hawkens. Ein Tausendsassa welcher sich voll in den Dienst des Theaters stellt. Für die heiteren Momente war Norbert Sluzalek als „Hobble Frank“ verantwortlich. Sluzalek, in Winnetou I und Winnetou III noch als exzellenter Santer zu sehen, überzeugte auf ganzer Linie. Zum einen sorgte er beim Publikum durch sein sächseln für humoristische Momente, zum anderen durfte er, wie in der Romanvorlage auch, ein echter Westman sein. Das Publikum honorierte Sluzaleks Spiel und dürfte von der Wandlung vom Oberschurken Karl Mays zum sächsischen Westman ebenso wie wir überzeugt gewesen sein.
Als Schiba-Bigk stand Felix Maria Berger erstmals auf der Festspielbühne in Burgrieden. Der Österreicher ist in der Karl-May-Szene kein Unbekannter, hat er doch in den Jahren zuvor bei einer Karl-May-Show innerhalb eines Freizeitparks mitgewirkt. Als guter Reiter und mit starker Stimme wusste er zu gefallen und konnte sich nachhaltig empfehlen. Auf der Seite der Antagonisten stach besonders einer hervor: Sven Kramer. Dem Publikum schon als „Intschu-tschuna“ in Winnetou I und als Darsteller bei den Süddeutschen Karl May Spielen in Dasing bekannt, wechselte er in diesem Jahr die Seiten. Als „Stealing Fox“ bzw. unter seinem Decknamen „Tobias Preisegott Burton“ im Westen unterwegs, entfaltete Kramer sein ganzes Talent. Ob ekelhaft frömmelnd, hinterlistig oder gnadenlos: Kramer tat alles, was man brauchte, um seine Rolle abgrundtief zu hassen. Dabei nutzte er seine Stimme ohne laut zu werden, gestikulierte, ohne besonders aufzufallen. Kramer wusste in jedem Moment zu überzeugen. 2025 werden wir ihn erneut in Burgrieden erleben. Diesmal als „Old Firehand“. Kramer kann erneut seine Wandlungsfähigkeit beweisen, bring als einer der drei großen „Olds“ aus der Feder Mays aber auch jede menge Erfahrung mit. So war er sowohl als Old Surehand als auch als Old Shatterhand schon in Dasing zu sehen. Das Ensemble wurde durch solide Leistungen durch die Eigengewächse Lukas Mrowetz als „Stewart“ und Georg Keyl als „Mr. Leader“ ergänzt.
Natürlich dürfen Winnetou und Old Shatterhand nicht fehlen. Alexander Baab als edelster aller Apachen und Martin Strele als alter Ego Karl Mays sind das beste Blutsbrüderpaar der vergangenen zwanzig Jahre. Sie passen optisch zueinander, sind beides gute Schauspieler und verkörpern die Karl May Helden wie aus dem Buche entsprungen. Über Strele haben wir in den vergangenen Jahren nur positiv berichtet. Und das können wir auch in diesem Jahr. Allerdings fehlen ihm in diesem Jahr ein wenig die hochemotionalen Momente, bei denen er sich besonders beweisen kann. Dafür kann er aber nichts, gibt die Romanvorlage das doch nicht vor. Dennoch mimt er den deutschen Freund Winnetous mit überragender Souveränität. Kommen wir zu Alexander Baab, dem Winnetou und Aushängeschild der Festspiele Burgrieden. Baab ist ein Winnetou, der nicht viele Szenen braucht, um glaubwürdig den wohl beliebtesten Charakter Karl Mays auf die Bühne zu bringen. Werden auf anderen Bühnen dem Winnetou besondere Momente ins Buch geschrieben oder besondere Momente vom Autoren nahezu geschenkt, um die Figur zum Überhelden erscheinen zu lassen, braucht Alexander Baab das alles nicht. Wenn er auf die Bühne kommt, steht da einfach Winnetou und das Publikum nimmt ihn auch genauso an. Seine Haltung, körperliche Spannung und seine Art Stolz und majestätisches auftreten zu vermitteln, lassen ihn in die Riege der ganz großen „Winnetou-Legenden“ aufsteigen. Wenn er, mit der Silberbüchse über dem Kopf haltend, in die Arena einreitet, wird man an alte Bilder vom Segeberger Parade-Winnetou Heinz-Ingo Hilgers erinnert. Für all das braucht Baab keine großen Szenen. Er ist Winnetou.
Ich möchte die Riege der Darsteller nicht schließen, ohne ein Wort über die stummen Helden im Hintergrund zu verlieren: Die Komparserie. Es ist so wohltuend zu sehen, dass die Komparsen stets in ihren Rollen bleiben und für lebendige Szenen sorgen. Egal wo man hinschaut, überall ist Bewegung, überall ist Leben. Hervorheben möchte ich besonders Elena und Christina Grud, welche auf dem Pferd sensationelle Momente und Szenen haben. Sicher im Sattel, voll im Spiel und waghalsig unterwegs. Es war ein Fest beiden zuzuschauen. Eine weitere Überraschung ist Ralf Reinhardt. Mittlerweile ist auch er nicht mehr aus Burgrieden wegzudenken und entwickelt sich Jahr für Jahr weiter. Ob in der ersten Szene als Priester oder mit seinem waghalsigen Sprung vom Kunstfelsen. Eine beeindruckende und großartige Entwicklung.
Kommen wir zu einer Personalie welche, völlig überraschend, bisher nirgendwo richtig thematisiert wurde. Kommen wir zu einer weiteren Karl May-Legende. Kommen wir zu Friedrich Grud. Grud gehörte bereits 1993 zum Ensemble der Gföhler Karl May Spiele und war anschließend in Winzendorf und auch Weitensfeld aktiv. Lange ritt er als Old Shatterhand an der Seite von Winnetou Thomas Koziol. 2010 und 2011 war er als Produzent, Autor, Regisseur und Schauspieler erneut in Gföhl aktiv. Wohin er 2017 für 30 Jahre Karl May in Österreich mit sensationellem Erfolg zurückkehrte. Fritz Grud liebt und lebt Karl May. Nun kehrt er also in den Wilden Westen zurück. Als Helfer, Organisator, Horsemaster und ein wenig auch als Mann für alle Fälle. Die Erfahrung und das Organisationstalent von Grud kann man an allen Ecken und Enden des Theaters spüren. Ob bei den verbesserten Ritten, den mitgebrachten Pferden, mitgebrachten Personal, Waffen, Kostümen auf der Bühne, als cooler Cowboy, sowie als Organisator von Stuntreitern. Fritz hilft da, wo er gebraucht wird. Eine wahre Legende. Und wenn man genau hinschaute, konnte man ihn Pfeife rauchend auf seinem Pferd auf der Bühne erkennen. Gerne spielte er dabei mit seinem Colt – die liebe zum Detail spürt man bei ihm in jedem Moment. Ein kluger Schachzug von Geschäftsführerin Claudia Huitz einen solch erfahrenen und coolen Typen in den Westen Burgriedens zu holen.
Last but not least müssen wir an dieser Stelle über Autor und Regisseur Michael Müller sprechen. Ich habe schon mehrere Lobgesänge auf ihn abgehalten und werde diese auch jetzt fortsetzen. Müller versteht es wie kein zweiter Karl May Vorlagengetreu auf die Bühne zu bringen und die nötigen dramaturgischen Kniffe vorzunehmen, damit die Maysche Vorlage auch auf der Bühne funktioniert. In einem Prolog zeigt uns Müller, wie Tobias Preisegott Burton an seinen Priesterrock gekommen ist. Eine kleine Szene, deutlich an die knallharten Italowestern angelegt, welche dem Publikum gleich klarmacht, wer hier der Schurke ist und wie er handelt, um an sein Ziel zu kommen. Ebenso der Umgang mit Rassismus. Ja, den gibt es. Und ja, auch in der Vorlage des Maysters ist dieser im Umgang mit Masser Bob zu finden. Müller bringt diesen aber zeitgerecht auf die Bühne. Ohne Anschuldigungen, ohne Verurteilungen, ohne das Wort Rassismus nur einmal zu erwähnen. In kurzen Momenten kommt aberAlltagsrassismus durch. Etwa dann, wenn Bobby Helmers aufgefordert wird einen Drink zu holen und Vaters Helmers dementsprechend reagiert. Müller nutzt dazu aber nur kleine Gesten, ohne das Thema größer zu machen als es bei einer solchen Inszenierung sein sollte. In kleinen Momenten kritisiert Müller auch die Rachegelüste eines Bloody Fox. Ohne zu verurteilen, sondern immer mit dem Blick auf die Hintergründe des Handels. Ein wunderbarer Dialog zwischen Bobby Helmers und Bloody Foy untermauert dieses. Natürlich ist das nicht purer Karl May. Aber der so oft zitierte „Geist Karl Mays“ scheint hier am deutlichsten durch, ohne die Handlung und Vorlage des sächsischen Meisterautors in groben Zügen zu verändern. Lobend anmerken muss man auch, dass keine Mayfremden Figuren etwa als „Love interests“,Komödianten oder gar Hauptdarsteller eingebaut werden. Müller arbeitet mit dem, was May ihm liefert, und verändert nur da, wo er Karl May ins heute transportieren muss. Auch Müller liebt Karl May. Diese Liebe spürt man ihn allen Facetten auf der Bühne. Er kennt die Stärken und Schwächen seiner Darsteller und weiß diese geschickt zu nutzen oder zu kaschieren. Er kann Schauspieler weiterentwickeln und ihnen auch den nötigen Raum für diese Entwicklung lassen. Mut beweist er zudem, in dem er auf die Wirkung seiner Personen vertraut und diesen nicht unnötiges an die Seite geben muss. Keine extra Szenen, keine sinnlosen Effekte. Er lebt den Purismus vor und zeigt allen, dass der alte Karl May auch heute noch modern ist. Vielleicht ist er, mit Blick auf die Lage in der Welt, sogar moderner als je zuvor. Es ist schön, dass Karl May auf den verschiedenen Theaterbühnen mit verschiedenen Facetten und Ansätzen gezeigt wird. Burgrieden zeigt Karl May aber so, wie Karl May seine Helden geschrieben hat. Das haben die Karl May Fans dem Regisseur und Autor Michael Müller zu verdanken. Davor ziehen wir heute wie gestern unseren Hut.
Dieser Artikel sollte viel früher erscheinen. Leider wurde ich mitten in der Saison 2024 schwer krank und brauchte lange Zeit, um wieder einigermaßen zu Kräften zu kommen.
Diesen Artikel zu verfassen war mir dennoch ein Bedürfnis und stellt gewissermaßen mein Comeback als Wild-West-Reporter dar. Meinen WWR-Freunden und allen, die an mich gedacht haben, danke ich an dieser Stelle für die ganze Unterstützung. In diesem Jahr wird es wieder mehr über Burgrieden bei uns zu lesen und zu sehen geben. Ich freue mich über dieses tolle Theater und Karl May auf der Bühne wieder berichten zu können.