
Der Premierentag selbst begann wie der vorherige Tag endete – heiß! Der Vormittag ließ die Innenstadt tatsächlich ausgestorben wie Hadleyville in „12 Uhr Mittags“ wirken. Stand Gary Cooper der Schweiß wegen des bevorstehenden Showdowns im Gesicht, so lief er uns angesichts von 34 Grad im Schatten herab. Einziger Trost: mit Beginn der Premiere war die Sonne bereits soweit vorgerückt, dass bis auf Block I bereits alle Ränge im Schatten lagen.
Im Tal des Todes! Selten passten die Rahmenbedingungen so sehr zum Titel einer Aufführung. Die Kräfte
des Roten Kreuzes blickten durchaus mit Sorge auf den ein oder anderen Senioren oder anderen Besucher, der bereits vom Tagesverlauf ausgelaugt in die ausverkaufte Arena schlurfte.
Pünktlich wurden die rund 8.000 Gäste von Geschäftsführerin Ute Thienel, Bürgermeister Toni Köppen und Landesvater Daniel Günther begrüßt. Trotz der herausfordernden Rahmenbedingungen strahlte das Trio Freude und Stolz anlässlich des Startschusses zur neuen Saison aus.
Die Handlung spielt in Mexiko. Dieser Örtlichkeit ist die Kulisse der gesamten linken Bühnenseite gewidmet. Wunderschöne weiße Häuser im konquistadorisch spanischen Stil gehalten, bilden die Ortschaft San Miguel. An der äußersten linken Seite findet sich ein künstlerisch anmutendes hochgewachsenes Weidengeflecht, fast einem Käfig ähnelnd. Es handelt sich um eine mystische Kultstätte die Ort eines ganz besonderen Bühneneffekts ist.
Die rechte Bühnenseite und damit primär der Bereich des Kunstfelsens bietet ein anderes Bild. Dort erblicken wir die Bergwerksanlage des skrupellosen Unternehmers Roulin. Die Anlage wirkt in Gänze etwas unscheinbar, für meinen Geschmack fehlt ihr etwas der Bergwerkscharakter. Die Anlage von 2002 bleibt aus unserer Sicht unübertroffen. Diverse Hängebrücken, Leitern und Klettermöglichkeiten fallen dem geübten Betrachter früh ins Auge und lassen bereits ahnen, was sich dort abspielen wird. Das Ganze wirkt gleichzeitig etwas überfrachtet und farblich zu gleichförmig. Auf der äußersten rechten Seite sind Rudimente eines Indianerlagers zu erkennen. Relativ deutlich zeichnet sich dort eine Begräbnisstätte zur Aufbahrung eines Toten ab.
Ungewöhnlich und auffällig befindet sich ein einfaches weißgekalktes Gebäude in der Mitte der Arena. Doch dieses Kulissenelement ist Teil
eines ganz besonderen und ungewöhnlichen Szenenwechsels. Von dem Schurken Alvarez in die Luft gesprengt, „faltet“ sich das Gebäude regelrecht zusammen und stülpt sich auch noch selbständig einen Kunstfelsen als neue Kulisse über. Vor die Wahl gestellt, dies klar erkennbar oder durch viel Rauch für den Betrachter weitestgehend verborgen zu tun, entschied man sich für die zweite Variante. Aus meiner Sicht etwas unglücklich denn so war der relative langsame Vorgang allzu deutlich zu beobachten und die Überraschung über das Geschehen wich einer eher nüchternen Betrachtung. It´s not totally magic. Sei es wie es ist: ein ungewöhnlicher und deshalb sehenswerter Trick für eine schnelle Veränderung des Bühnenbildes.
Das Ensemble – der feurige Mexiko Mix aus Alt und Neu
Kommen wir zu unseren Eindrücken von Ensemble und der Inszenierung im Allgemeinen. Die ursprüngliche Besetzung wurde bereits vor bzw. nach Probenbeginn durch zwei gesundheits- bzw. unfallbedingte Umbesetzungen geprägt. Mit Fabian Monasterios in der Rolle des Martin Adlerhorst und Dirc Simpson als Sam Hawkens, für den erkrankten Alexander Milz und den verletzten Volker Zack, kehren zwei Veteranen nach mehrjähriger Pause an den Kalkberg zurück.
Angeführt wird das Ensemble erneut von Alexander Klaws als Winnetou. Er verkörpert den Apachenhäuptling heuer bereits zum sechsten Mal. Dabei agiert er unverändert mit großer Ruhe und einer unglaublichen sportlichen Leichtigkeit. Auch wenn er optisch durch sein eher blasses Erscheinungsbild für mich nicht die Würde und Autorität seiner Vorgänger erreicht, so interpretiert er die Rolle doch objektiv mit Selbstvertrauen und Sicherheit. Wie in den Vorjahren reagiert das Publikum bei seinen Auftritten mit großer Begeisterung und lauscht gebannt seinen weisen und mahnenden Worten. Die diesjährige Botschaft: keine Macht den Drogen.
An seiner Seite reitet erneut Ex-Störtebeker Bastian Semm als Old Shatterhand. Sein jugendliches Spiel leidet nicht nur unter einigen eher „schnoddrigen“ Dialogstellen die sicherlich dem jüngeren Publikum als „cool“ gefallen mögen, sondern trägt dazu bei, dass er nicht ganz dem gewohnten Bild des diplomatischen und respektvollen Helden entspricht. In weiten Teilen leider nur ausführendes Element, agiert Semm sehr engagiert und mit starker Physis, seine Rolle in dieser Inszenierung fällt allerdings deutlich hinter die seines Blutsbruders zurück. Als Gespann geben Semm und Klaws jedoch ein stimmiges und harmonisches Duo ab und die Kontinuität der Besetzung kann man nur begrüßen.
Die bereits langjährige Tradition, namhafte und bekannte Gastdarsteller zu verpflichten, wird auch in diesem Jahr mit der Verpflichtung von Florian Fitz, Isabell Varell und Heinrich Schafmeister fortgesetzt.
Florian Fitz verkörpert Roulin, den skrupellosen Geschäftsmann der über Leichen geht. Fitz interpretiert seine Rolle zurückhaltend und leise. Doch in jedem Satz schwingt Gefahr mit, jeder Blick verheißt Unheil und Bedrohung. „Ein Mann kann ein Schurke sein, selbst wenn er immer nur lächelt“ (Zitat aus Oliver Stones „JFK“ von 1991). Fitz lässt an dieser These keinen Zweifel aufkommen. A propos Zweifel. Ich gebe zu, diese Personalie weckte bei ihrer Verkündigung keine große Begeisterung bei mir. Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich mich geirrt habe. Sein Roulin ist eiskalt, berechnend und von steter treibender rücksichtsloser Kraft.
Die Partnerin an seiner Seite wird verkörpert von Isabel Varell. Sie bringt mit Tanz und Gesang das Publikum bereits mit dem ersten Auftritt auf ihre Seite. Die mir bis dahin nur als Sängerin vertraute Varell verkörpert Miranda, die Besitzerin einer Cantina. Sie sprüht vor Spielfreude und changiert geschickt zwischen zärtlich süßem und bitterbösem Spiel. Doch gerade in dem Moment des selbstkritischen Rückblicks auf ihr eigenes Leben und in denen der Härte und Skrupellosigkeit beweist Varell für mich unerwartete Qualitäten und lässt den Zuschauer ihre Emotionen und Gefühle an ihrem Gesichtsausdruck ablesen. Varell stellt eine deutlich bessere Besetzung dieser Rolle dar als die 2015 agierende Barbara Wussow. Nachdem sie schon zwei der schauspielerisch beeindruckendsten Momente der Inszenierung für sich verbuchen kann, hätte ich ihr auch einen noch dramatischeren Bühnentod gewünscht. Der in einem anderen Pressebeitrag geäußerten Meinung, sie wirke etwas zu sympathisch für die Rolle, vermag ich mich nicht anzuschließen.
Für die heiteren Momente sorgt Heinrich Schafmeister, der insbesondere dem älteren Fernsehpublikum aus diversen TV-Produktionen bekannt sein dürfte. Mit würdevoller Skurrilität verkörpert er den spleenigen und sich in der Folge immer mehr für das Abenteuer begeisternden englischen Aristokraten Sir John Rafley. Schafmeister fügt sich nahtlos in die lange Liste unterhaltsamer Humordarsteller am Kalkberg ein und weiß durch sein gedämpftes pointiertes Spiel zu gefallen.
Allerdings erlangt seine Darstellung erst durch sein Alter Ego Alexis Kara, die perfekte Wirkung. Kara, der erst im vergangenen Jahr sein Kalkbergdebüt feiern durfte, setzt in so perfekter Weise die „Vorlagen“ um, die ihm Schafmeister verschafft, dass es an die große Zeit der Komikerduos á la Laurel und Hardy erinnert. Für seine Darstellung des umtriebigen aber häufig überforderten Rechtsanwalts Don Fernando erhielt er den verdienten überragenden Applaus.
Dagegen feiert Inés Cihal tatsächlich ihren Einstand in der Segeberger Arena. Selbstbewusst, würdevoll und doch auch übermütig, präsentiert sie sich als Paloma Nakana, die Schamanin der Chiricahua-Apachen. Die mystischen Zauberkräfte, die ihr in die Rolle geschrieben wurden, wirken aus meiner Sicht zwar deplatziert, können die Wirkung der jungen Schauspielerin aber nicht schmälern. Die attraktive Österreicherin bildet, gemeinsam mit Rückkehrer Fabian Monasterios, das völkerverständigende Liebespaar.
Monasterios, dessen Abwesenheit in den vergangenen Jahren immer wieder von Fans bedauert wurde, stellt für Cihal einen perfekten Partner
dar und darf sich in seiner Rolle auch ungleich stärker und nachdrücklicher präsentieren als dies in den zwei früheren Inszenierungen der Geschichte geschah. Man hätte beiden gewünscht, das Stück hätte ihrer Beziehung und deren Entstehung mehr Raum geben können. Ebenso würde man sich wünschen, beide am Kalkberg noch einmal begrüßen zu dürfen.
Neben Isabel Varell und Alexis Kara stellen sie für mich die Spitze der diesjährigen Darstellerleistungen dar. Aber auch andere Darsteller/*innen vermögen besondere Momente für sich verbuchen.
Publikumsliebling („Joshy, Joshy!“ Rufe während der Generalprobe) und Bühnenveteran Joshy Peters darf sich erneut in einer anderen und für ihn neuen Rolle beweisen. Als vom Alkohol abhängiger Häuptling der Maricopa darf er mit zitternden Händen und fahrigem Blick das traurige vom Einfluss der europäischen Eindringlinge zerstörte Bild eines ehemals stolzen und selbständigen Kriegers bieten. Der Augenblick überwältigender Trauer und Erkenntnis, verkörpert er mit beeindruckender Intensität. Momente, für die Joshy Peters geschaffen ist wie kaum ein zweiter am Kalkberg. Leider ist auch ihm in der engen Kulisse des Bergwerks ein überraschend unspektakuläres und fast beiläufiges Ende beschieden. Dies ist wohl den beengten Verhältnissen an der gewählten Position zuzuschreiben. Sein Freund und Kollege (heutiger Regisseur) Nicolas König durfte in gleicher Rolle 2002 deutlich effektvoller auf der Bühne verscheiden.
Jeder Schurke ist nur so gut wie die Handlanger, die ihn umgeben und seine finsteren Pläne umsetzen. Wer außer Sascha Hödl, der sich in den vergangenen Jahren verdientermaßen in die Herzen des Publikums gespielt hat, käme besser dafür in Frage? Sein Juanito Alvarez raubt, verschleppt, tötet im Auftrag seines Herrn. Skrupel überfallen ihn jedoch immer wieder und auch sein Herz ist nicht so hart wie es scheinen mag. Sergio Leone hätte ihn mit aller Selbstverständlichkeit in einem seiner Italo Western einsetzen können. Seine stillen Momente und vor allem sein Bekenntnis in der Stunde des Todes, bleiben dem Betrachter genauso in Erinnerung wie seine Physis in den Zweikämpfen und sein besonderer Einsatz am brennenden Seil. Auch hier bleibt der Wunsch, ihn noch häufig in Karl-May-Aufführungen erleben zu dürfen. Für sein eigenes im Herbst anlaufendes Bühnenprojekt „Dracula“ wünschen wir ihm als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller viel Erfolg.
Bleibt noch den zweiten „Rückkehrer“ des Jahres zu erwähnen: Dirc Simpson kehrt nach zehn Jahren Pause überraschend in die Arena zurück. Viele haben ihn vermisst. Seit seinem Debüt 2004, hat er viele Rollen verkörpert. Seinen Schurkenrollen konnte er stets eine hassenswerte Bissigkeit verleihen. Jedoch äußerte er sich schon früh mir gegenüber einmal den Wunsch, den Part des eigenwilligen Sam Hawkens zu übernehmen. Nun darf er zum zweiten Mal in den Flickenmantel schlüpfen und die Helden aktiv unterstützen. Mit liebenswerter Schrulligkeit und der nötigen Portion ernsthaften Engagements kämpft er für das Gute. Dirc, schön, dass du wieder da bist!
Es ist und bleibt der Zauber und das wahre Erfolgsrezept der Bad Segeberger Spiele, dass man sich immer wieder auf bewährte und erfolgreiche Akteure besinnt und sich daraus für diese, aber auch für uns Zuschauer, viele kleine und sehr persönliche Geschichten entwickeln.
Der Lohn: frenetischer Jubel
Die Publikumsreaktion zur Premiere kann man nur als überragend bezeichnen. Jung und Alt bejubelten begeistert die Szenen und die Ensembleleistung bei der traditionellen Vorstellungsrunde zum Abschluss der Aufführung. Unabhängig davon ob ein weiterer Besucherrekord erreicht wird oder nicht – der Grundstein für eine erneut sehr erfolgreiche Spielzeit ist gelegt. Die Aufführung ist erneut einen Besuch wert, die ganze Familie wird auf ihre Kosten kommen. Family Entertainment am Kalkberg – die Erfolgswelle rollt weiter.
Inhaltlich ist zu würdigen, dass die an sich schon eher schlichte Grundstruktur der Geschichte aus der Feder Karl Mays (Schurke versklavt unschuldige Menschen zu tödlicher Minenarbeit und diese werden von strahlenden Helden erlöst) von Hausautor Michael Stamp einfallsreich um Figuren und Handlungsstränge ergänzt und damit aufgewertet wurde. Die Fülle der Ideen wirft an der ein oder anderen Stelle allerdings
auch Fragen bei dem konzentrierten Betrachter der Handlung auf. Jedoch beeinträchtigt dies den Unterhaltungswert der gesamten Show für die große Masse der Besucher wohl kaum. Die ewige Diskussion um die Sinnhaftigkeit frei erfundener Charaktere und die Dosierung von Humor wird auch in diesem Jahr wieder aufkeimen. Trotz alle dem bleibt der Einfallsreichtum Michael Stamps bewundernswert und für mich unübertroffen. Vorgenannte von ihm erschaffene Figuren gehören für mich zu den Höhepunkten der Inszenierung. Anleihen aus Tagespolitik und epischen Kinostoffen sorgen immer wieder für besondere und erinnerungswürdige Momente die ein Generationen übergreifendes Publikum begeistern. Mystik und Magie á la Harry Potter gefallen gewiss nicht jedem Betrachter, tragen aber ihren Teil zum Erfolg bei. Zum Inhalt und den Auffälligkeiten der diesjährigen Inszenierung werden wir noch separat berichten. Der Startschuss ist gefallen, der erste Schweiß auf beiden Seiten der Bühne vergossen. Vamonos, Muchachos!
Für Euch erlebt und betrachtet von
Andreas Hardt und Sven Damköhler